Initialkontakt

Kontaktaufnahme mit Pflegebedürftigen

Dass die Kontaktaufnahme mit komplex beeinträchtigten Menschen anders verläuft als mit Hunden liegt auf der Hand. Doch wie können wir ihn richtig erreichen und auf die folgende Maßnahme vorbereiten? Möglichst auch noch so, dass dieser froh gestimmt ist und wenn auch nicht mitmacht, dann doch wenigstens nicht ablehnt? Perfekt wäre es natürlich auch noch, wenn dies keinen Mehraufwand in der Zeit oder Materialien kosten würde.
 

Wie geht das?

Um unsere Patienten herrscht meist ein reges Treiben. Die Überwachungsgeräte geben laute Töne von sich, Mitarbeiter, Therapeuten, Ärzte und Angehörige unterhalten sich und es gibt ständige Wechsel des Pflegepersonals. Aufgrund der Geräuschkulisse können die meisten Patienten zumeist nicht unterscheiden, ob sie angesprochen werden oder nicht. Entsprechend überrascht kommen für sie sämtliche Berührungen, die teilweise auch noch schmerzhaft sind. Dies kann zu einem permanenten unterschwelligen Dauerstress führen. Eine ritualisierte Kontaktaufnahme mit Pflegebedürftigen soll Abhilfe schaffen, Respektvoll sein, Sicherheit und Vertrauen vermitteln.

Das Prinzip ist einfach

1.      anklopfen, mit Namen ansprechen

2.      ins Blickfeld treten

3.      Berührungsgeste linke Schulter mit ganzer Hand

An die Zimmertüre wird zunächst geklopft – egal ob diese offen, angelehnt oder geschlossen ist. Dann wird über das Gehör als Fernsinn der Patient mit seinem Namen angesprochen. Dadurch wird sicher gestellt, dass sich dieser auch angesprochen fühlt. Er weiß, dass es um in geht und hat die Möglichkeit sich auf den Kontakt vorzubereiten. Empfehlenswert ist auch, den eigenen Namen jedes Mal wieder zu nennen – mindestens zu Beginn des Dienstes – um dem Patient (und den Zugehörigen) mehr Orientierung zu bieten.

Danach treten wir möglichst seitlich in sein Blickfeld (von vorne wird oft als bedrohlich empfunden). Nun hat der Pflegebedürftige die Möglichkeit uns zu erkennen, Blickkontakt aufzunehmen oder in irgendwelcher Weise zu reagieren. Dies ist für uns der Schlüssel um weiter zu agieren. Als letzten Schritt der Kontaktaufnahme mit Pflegebedürftigen führen wir die Berührungsgeste aus.

Die Berührungsgeste

Diese ist auch als Initialberührung oder Initialkontakt bekannt. Allerdings suggeriert das Wort Initialberührung, dass der Kontakt nur am Anfang stattfindet. Besser ist jedoch, diesen auch zwischenzeitlich und vor allem am Ende noch einmal durchzuführen. Daher ist der Begriff Berührungsgeste (nach Buchholz, Schürenberg 2003) treffender.

Wo findet der Kontaktaufnahme mit Pflegebedürftigen statt?

Das ist Geschmackssache. Allerdings müssen wir als Pflegende, Pädagogen, Therapeuten usw. alle denselben Bereich wählen. Zugehörige dürfen natürlich weiterhin alles.
Bewegt sich der Patient? Dann wäre dort, wo er eine Beziehung zur Umwelt aufnimmt ein geeigneter Ort. Her er Gewohnheiten? Ist oder war er etwa ein großer Händeschüttler – dann können wir das gut übernehmen. Ist der Patient eher bewegungsarm? So können wir davon ausgehen, dass er seinen Körper nicht mehr differenziert wahrnehmen kann (sein Körperbild ist habitualisiert). Da würde eine Berührung an der Hand höchstwahrscheinlich eher verwirren. Hier wäre eine zentrale Berührung am Körperstamm empfehlenswert. Hat der Patient Atemprobleme? Dann lieber nicht auf dem Thorax, da dies die Atembewegung beeinflusst und als drückend empfunden wird. Ist der Patient weiblich und kein kleines Kind mehr? Da wird das Sternum zur Intimsphäre und die gut gemeinte Berührung eher eine schambehaftete Belästigung.

Für die meisten unserer Patienten ist daher die Schulter als zentrale Berührungsgeste perfekt geeignet: Der Patient dürfte den Kontakt gut spüren, da er nah am Körperstamm ist, jedoch keine Intimzone und auch nicht die Atmung beeinträchtigt. Auf-die-Schulter-klopfen ist im Alltag mitunter eine öffentliche Begrüßung und eine neutrale Stelle. Meistens ist die Schulter auch sauber von Speichel, Erbrochenem und Wunden.

Qualität der Kontaktaufnahme bei Pflegebedürftigen

Wir sind die ganze Zeit über natürlich aufmerksam und auf den Patient bezogen. Das heißt, wir kümmern uns in erster Linie um ihn, erst danach um die Zugehörigen oder den Auszubildenden. Die Berührung ist annähernd, langsam und deutlich. Unsere Hand ist ohne Handschuh, sollte möglichst geruchsneutral (nicht direkt davor geraucht, desinfiziert oder eingecremt) und als Ganzes erlebbar sein (Finger als eine Fläche zusammen).

Die Berührungsgeste soll so lange wie ein normales Händeschütteln andauern, also bis diese deutlich wahrgenommen wurde – aber nicht zu lange.

Die Art der Berührung im Detail muss nicht immer sanft und vorsichtig sein. Vielmehr orientiert sich an dem, was der Patient jetzt benötigt und wird so jedes Mal aufs Neue individuell angewandt.

Nutzen für den Pflegebedürftigen als Angebot

Die Berührung ist als Nahsinn sehr wichtig. Als Empfang für nonverbale Botschaften soll sie zur Umweltkontrolle Sicherheit-im-Beziehung-aufnehmen und Begegnungen-gestalten vermitteln, sowie Stress reduzieren. Durch den Initialkontakt lernt der Patient, dass wir Mitarbeiter nur dann eine Handlung an ihm vornehmen, wenn er zuvor dort berührt wurde. So gewinnt er Sicherheit und kann sich entspannen.

Wie geht es dann weiter?

Der direkte Körperkontakt soll bei der nun folgenden Interaktion und Maßnahme weiterhin aufrecht erhalten werden, um den Patient nicht zu verunsichern. Das heißt, dass ab jetzt für die gesamt Pflegemaßnahme, oder was auch immer ansteht, eine Hand (Unterarm oder Hüfte geht auch) am Patient ist. Das braucht Übung und ist nicht ganz einfach!

Beim Unterbrechen des Kontakts geben wir dem Patient einen Gegenstand ganz bewusst, der für den Kontakt steht (etwa ein warmes Körnerkissen in die Hand). Hier nehmen wir den Kontakt dann auch wieder auf. All das begleiten wir natürlich verbal und sprechen auch dann noch weiter. So weiß der Patient, dass wir noch da sind.

Beenden der Kontaktaufnahme mit Pflegebedürftigen

Entweder beendet der Patient den Kontakt oder wir. Sollten wir den körperlichen Kontakt lösen müssen, so endet die Berührung genau so wie wir sie begonnen haben. An bekannter Stelle legen wir unsere Hand flächig und deutlich auf, das Ende der Aktivität wird verbal und im Blickfeld begleitet. Danach lösen wir unsere Hand langsam verabschiedend mit Worten begleitend und mit unserer vollen Aufmerksamkeit.

Für uns Pflegende ist das Ende der Pflegehandlung meistens klar, für die Patienten jedoch nur schwer begreiflich. Woher sollen sie auch wissen, wann Schluss ist? Eine nicht erfüllte Erwartungshaltung bedeutet wieder Stress und Unsicherheit. Daher sollte der Abschluss genau so erfahrbar gemacht werden.

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