Kinästhetik bei komplexer Behinderung

Vielleicht kennen Sie das: Als Bezugsperson unterstützt man sehr viel bei allen Bewegungen.

  • etwa vom Pflegebett in den Rollstuhl,
  • vom Rollstuhl zur Toilette,
  • vom Sofa in den Stehständer,
  • vom Boden in den Therapiestuhl,
  • von der Badewanne in das Pflegebett.

Immer wieder ein Umsetzen, das irgendwie funktionieren muss. Bei kleinen Kindern ist das nicht so schwierig, die kann man bequem auf dem Arm tragen, in den Buggy setzen oder vom Boden hochnehmen. Schwierig wird das erst, wenn die Muskelspannung des Kindes sich ändert, etwa wenn das Kind einen sehr hohen oder sehr niedrigen Tonus haben. Oder aber, wenn das Kind wächst, länger und schwerer wird. Nun heißt es stark sein und seitlich durch die Türen gehen!

Und während man einen Menschen hebt, trägt, an ihm zieht und drückt kommt dieser Gedanke: „Ist das wirklich so richtig? Belastet das ihn genau so wie mich?“ Selbst wird man zu einem Kran mit der Aufgabe nur noch Gewicht zu bewegen und das Gegenüber wird zu einem passiven Gegenstand, das man wie einen Koffer von A nach B setzt.

Da wächst der große Wunsch:

Bewegungen sollen menschlicher und allen gerecht werden.

Kinästhetik setzt genau hier an.
Nicht als neue Technik. Nicht als weiterer Griff, den man „richtig“ machen muss.
Sondern als eine Haltung, die Bewegung wieder zu etwas Gemeinsamen macht.

In diesem Artikel erfahren Sie,

  • was Kinästhetik bei komplexer Behinderung wirklich bedeutet,
  • warum es nicht darum geht, etwas ein für alle Mal zu lernen,
  • und wie Ihr Gegenüber aktiv beteiligt werden kann (auch dann, wenn er eine komplexe Behinderung hat).

Bevor wir tiefer einsteigen, räumen wir mit einem der größten Missverständnisse auf.

Kinästhetik ist keine Technik-Sammlung

Kinästhetik wird oft auf eine einfache Formel reduziert: rückenschonend bewegen, richtig heben, besser arbeiten, keine Rückenschmerzen und Bandscheibenverletzungen. Einmal gelernt mit einer Kurzschulung über 4 Stunden, einem Video oder einem Text wie diesem und ab sofort werden alle Bewegungen zu einem Kinderspiel. Stopp: das greift zu kurz.

Kinästhetik ist kein Set aus festen Abläufen, die Sie auswendig lernen und immer gleich anwenden. Sie ist ein Lernansatz, der sich an dem orientiert, was jetzt gerade möglich ist – bei Ihrem Kind und bei Ihnen.

Warum ist das so wichtig?

Menschen mit komplexer Behinderung sind nicht alle gleich.
Ihre Tagesform ist nicht gleich.
Und Ihre eigene Kraft auch nicht.

Was gestern gut funktioniert hat, kann sich heute falsch anfühlen. Kinästhetik erlaubt genau diese Differenzierung. Sie lädt dazu ein, hinzuschauen, statt durchzuziehen.

Wie zeigt sich das im Alltag?

Das beginnt oft mit etwas ganz Einfachem:
langsamer werden und die eigene Spannung rausnehmen

Ich arbeite seit 2010 als Heilerziehungspflegerin mit komplex behinderten Menschen und berate seit 2020 pflegende Bezugspersonen. Bei einer individuellen häuslichen Schulung hatte ich kürzlich wieder so eine Situation: An das Pflegebett gelehnt stand er da und wollt sich hinsetzen, doch das Bett war ca. 5 cm zu hoch. Ich konnte den Vater gerade noch stoppen ihn einfach hochzuheben. Ich sicherte seinen Stand weiterhin, beobachtete und wartete. Da drehte er sich einfach und lehnte sich mit seinem Oberkörper auf das Bett, war schon drin und grinste uns groß an. Wahnsinnig einfach! Das hätten wir ihm genommen durch das heben, ihn wieder passiv wie einen Gegenstand gemacht und ihn in seiner Entwicklung blockiert als gefördert.

Nun zu einem weiteren Missverständnis der Kinästhetik: Zu glauben, dass Kinästhetik nur dann funktioniert, wenn der Mensch mit komplexer Behinderung aktiv mitarbeitet.
Das Gegenteil ist der Fall.

Und damit sind wir beim nächsten Punkt:

aktive Beteiligung statt Bewegen wie eine Puppe

Ein Satz, den ich oft höre:
„Mein Kind kann aufgrund seiner komplexen Behinderung nichts aktiv beitragen.“

Kinästhetik widerspricht dem – leise, aber konsequent.

Was meint Beteiligung hier wirklich?

Beteiligung heißt nicht, dass Ihr Kind eine Bewegung „kann“.
Beteiligung heißt, dass sein Körper Teil des Prozesses ist – nicht Objekt davon.

Warum macht das einen Unterschied?

Selbst minimale Eigenbewegung verändert viel:

  • Körperspannung reguliert sich anders
  • Widerstand nimmt ab
  • Ihr Kind erlebt: Ich werde einbezogen

Und auch für Sie wird es leichter. Nicht sofort. Aber spürbar.

Wie kann das konkret aussehen?

Zum Beispiel beim Transfer vom Pflegebett in den Rollstuhl:
Statt das Kind wie einen Baumstamm zur Seite zu drehen, unterstützen Sie erst nur den Kopf.
Statt zu heben, geben Sie Gewicht ab.
Statt zu ziehen, warten Sie.
Statt zu korrigieren, begleiten Sie die Richtung, die entsteht.

Ein Praxisbeispiel: Ein junger Mensch mit hoher Körperspannung reagiert bei jeder Bewegung mit starkem Gegenspannen. So setzen die Eltern und Begleiter noch mehr Kraft ein. In dem Moment, in dem nicht mehr gezogen, geschoben und gezerrt wird, sondern Bewegung vorbereitet und zugelassen wird, verändert sich die Spannung. Nicht perfekt. Aber genug, um weiterzugehen. Im Rollstuhl drückt er seine Schultern stark an die Lehne des Rollstuhls, so rutscht der Po immer weiter nach vorne. Um das wieder zu korrigieren zogen seine Assistenten immer an seinen Armen bis der Oberkörper etwas nach vorne kam um ihn dann an den Knien oder an der Hose nach hinten zu ziehen. Nach meiner Beratung war die Hilfestellung nun von der Seite und im Sitzen, denn mit wenig Spannung lies er sich sofort über die Seite von der Rückenlehne lösen und konnte dann bei dem Weg nach hinten in den Rollstuhl durch viele kleine Schritte sogar aktiv mitmachen.

Häufiger Fehler

Beteiligung nur dann zu erwarten, wenn sie sichtbar und eindeutig ist.
Oft zeigt sie sich leise. Über Tonus, Atmung, Richtung. Wir stellen ja auch erst ein Bein auf ehe wir uns zur Seite drehen. Wir kommen erst mit unseren Oberkörper nach vorne ehe wir aufstehen. Da ist entscheidend!

An dieser Stelle lohnt ein kurzes Innehalten.

Zwischenfazit:
Beteiligung ist kein Extra. Sie ist der Kern.

Und sie geschieht über etwas, das viele unterschätzen.

Drei wertvolle Materialien von Kinaesthetics Deutschland

Die folgenden PDFs stammen nicht von mir, sondern werden von Kinaesthetics Deutschland zur Verfügung gestellt. Ich empfehle sie, weil sie Haltung erklären – nicht Techniken verkaufen.

  • „Was ist Kinästhetik?“
    Ein Grundlagenpapier zu Wirkung, Verständnis und Entwicklung.
  • „Videos für pflegende Angehörige“
    Alltagssituationen, sichtbar gemacht. Kein Hochglanz. Realität.
  • „Vorteile von Kinästhetik“
    Warum sich dieser Ansatz langfristig lohnt – für Bezugspersonen und begleitete Menschen.

Diese Materialien geben Orientierung.
Die Umsetzung im eigenen Alltag braucht oft mehr.


Warum Begleitung den Unterschied macht

Kinästhetik lässt sich nicht „lesen und umsetzen“.
Sie wird erlebt.

Was bedeutet das?

Es geht um Wahrnehmung. Um Feinheiten. Um Rückmeldung.
Und genau das fehlt, wenn man alleine bleibt.

Warum ist Begleitung so wichtig?

Weil jede Familie, jedes Kind, jeder Alltag anders ist.
Was entlastet, ist immer individuell.

Wie sieht das konkret aus?

In meiner Beratung schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation.
Ganz praktisch. Mit dem, was da ist.
Kleine Veränderungen. Große Wirkung.

Häufiger Fehler

Zu glauben, man müsse erst alles verstehen, bevor man Unterstützung in Anspruch nimmt.

Zwischenfazit:
Veränderung beginnt nicht mit Wissen. Sondern mit Begleitung.

Fazit

Kinästhetik bei komplexer Behinderung bedeutet:

  • keine festen Techniken
  • keine schnellen Lösungen
  • keine Bewertung von „kann“ oder „kann nicht“

Sondern Beteiligung und Beziehung.

Sie müssen nicht alles verändern.
Es reicht, einen Moment anders zu gestalten.
Eine Pause mehr. Ein Zug weniger. Ein echtes Warten.

Ihr nächster Schritt

Wenn Sie merken, dass Sie sich Entlastung wünschen – für Ihren Körper und für Ihr Kind – dann lassen Sie uns hinschauen.

👉 Digitale Einzelberatung für pflegende Eltern
Die Kosten können in vielen Fällen von der Krankenkasse übernommen werden.

👉 Beratung und Schulung für Teams
Oft mit Fördermöglichkeiten über die Berufsgenossenschaft.

Sie müssen das nicht alleine herausfinden.

Wenn Sie möchten, begleite ich Sie dabei.

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3. Dezember - Tattoos, die Orientierung schenken

 

Herzlich willkommen zum dritten Türchen des basal-bewegt Adventskalenders!

Heute widmen wir uns einer Erfahrung, die vielen jungen Menschen mit komplexer Behinderung im Alltag fehlt: der spürbaren Grenze des eigenen Körpers – erfahrbar durch ein einfaches Ritual aus Ausstreichen und einem kleinen Tattoo.

Eine ruhige Hand.
Ein klarer Verlauf von der Schulter bis zur Hand.
Ein Punkt auf der Haut, der sagt: „Hier bin ich.“
Mehr braucht es nicht, damit ein Mensch mit schwerer Behinderung wieder ein Stück selbst spüren kann. ✨

Mit gleichmäßigen, wiederholten Ausstreich-Bewegungen über den Arm entsteht eine Erfahrung, die tief in das somatische System wirkt: Sie macht die Hautgrenze spürbar. Sie vermittelt Orientierung. Und ganz oft führt sie zu genau dem Moment, in dem etwas im Körper weicher wird – oder der Blick für einen Augenblick präsenter wird.

Warum das wirkt

Somatische Wahrnehmung entsteht durch Berührung, Rhythmus und die klare Weiterleitung von Reizen über Haut, Muskeln und Knochen.
Sie ist die Basis dafür, dass ein Mensch überhaupt ein Körperbild entwickeln kann:
Wo bin ich? Wo beginnt mein Arm? Wo hört er auf? Gehöre ich zusammen?

Genau diese Erfahrungen fehlen vielen jungen Menschen im Alltag:
lange Positionierungszeiten, wenig Eigenbewegung, viel Pflege – wenig klarer Hautkontakt.

Ausstreichen bringt das zurück.
Nicht hektisch. Nicht zufällig.
Sondern langsam, flächig, vorhersehbar.

Der Körper erhält darüber Informationen, die Halt geben:

„Das ist mein Arm.“
„Hier verläuft er.“
„Ich bin im Raum.“

Das Tattoo selbst – ein kleiner Stern, ein Stiefel, ein Weihnachtsbaum – ist nur die sichtbare Spur.
Die eigentliche Erfahrung passiert vorher:
Grenze spüren. Körperform erkennen. Orientierung zurückgewinnen.

Und manchmal sogar:
ein kleines Lächeln oder das stille Hinhalten des zweiten Arms.

Heute geöffnet – nur für diesen Tag

Dieser Impuls ist Teil meines Adventskalenders für junge Menschen mit komplexer Behinderung und ihre Bezugspersonen.
Jedes Türchen bleibt nur 24 Stunden geöffnet und verschwindet danach aus dem öffentlichen Bereich.

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Ich wünsche Ihnen einen berührenden dritten Dezember und eine schöne Entdeckung der somatischen Wahrnehmung.

✨ basal-bewegte Grüße
Martina Götschel

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