Zusammenfassung
Was macht ein Angebot wirklich voraussetzungslos? Am Beispiel Apfel zeigte ich eine komplette Basale-Stimulation-Einheit zum Nachmachen.
Ein Apfel kostet neunzig Cent. Er braucht keinen Akku, keine App und keine Bedienungsanleitung, und trotzdem schafft er, wofür so manches teure Fördermaterial ungenutzt im Schrank liegt.
Viele Bezugspersonen von Menschen mit Behinderung, die ich in meiner Arbeit begleite, tragen einen stillen Druck mit sich. Für „richtige“ Förderung brauche es das passende Material, das passende Konzept, den passenden Reiz. Man sucht, kauft, sammelt und verliert dabei manchmal genau den Moment aus dem Blick, um den es eigentlich geht.
Dabei entscheidet nicht das Material, ob ein Angebot wirklich wirkt. Es entscheidet, wie wenig dieses Angebot voraussetzt, ob es also ein wirklich voraussetzungsloses Angebot ist. Genau das zeigt Ihnen dieser Beitrag an einem einzigen, alltäglichen Gegenstand: dem Apfel. Von der ersten Berührung über die Haut bis zum gemeinsamen Apfelkuchen bekommen Sie eine komplette Einheit im Sinne der Basalen Stimulation, Schritt für Schritt und sofort umsetzbar.
Am Ende wissen Sie nicht nur, wie diese eine Apfel-Einheit funktioniert. Sie verstehen, was ein Angebot überhaupt erst grundlegend macht, und können dieses Prinzip auf jeden anderen Alltagsgegenstand übertragen.
Wichtig vorweg: Das hier ist eine Anregung, kein Rezept. Was tatsächlich passt, richtet sich immer nach dem Menschen, der Ihnen gegenübersitzt, und genauso flexibel ist der zeitliche Rahmen. Ein Angebot kann wenige Minuten dauern, eine ganze Betreuungsstunde füllen oder sich über einen Motto-Tag, eine Themenwoche oder einen Monat ziehen.
Bevor es an den Apfel selbst geht, zunächst zur wichtigsten Frage: Was heißt „voraussetzungslos“ eigentlich konkret?
Ablehnen ist erlaubt: Das Fundament jedes echten Angebots
Ein Angebot ist etwas anderes als eine Übung oder eine Maßnahme. Es hat kein Lernziel. Es gibt keine „richtige“ Reaktion und keinen Erfolg, den man am Ende abhaken kann. Der Begriff kommt aus der Basalen Stimulation: Mohr, Zündel und Fröhlich beschreiben im Handbuch Basale Stimulation, das Konzept nutze „individuelle, gegebenenfalls voraussetzungslose Anregungen und kommunikative Angebote“ (Mohr/Zündel/Fröhlich, S. 25), und widmen dem sogar einen eigenen Abschnitt mit dem Titel „Voraussetzungslosigkeit“ (ebd., S. 30). Bienstein und Fröhlich beschreiben in ihrem Standardwerk Die Grundlagen ergänzend, das Konzept sei „immer ausgerichtet an grundlegenden, einfachen und primären Bedürfnissen“ des Menschen (Bienstein/Fröhlich, S. 16), und betonen, dass dafür keine Vorleistungen nötig sind, unabhängig davon, wie schwer eine Behinderung ausgeprägt ist (ebd., S. 42).
Das ist der gedankliche Rahmen, den Sie brauchen, bevor Sie den Apfel überhaupt anfassen. Ohne diesen Rahmen wird aus dem Apfel schnell wieder eine kleine Prüfung: „Hat er reagiert? Hat sie das jetzt verstanden?“ Genau diese Erwartungshaltung nimmt einem Angebot seine eigentliche Kraft.
Voraussetzungslos heißt ganz konkret: Der Mensch vor Ihnen muss weder sprechen noch gezielt greifen noch verstehen, was gleich passiert. Er darf den Apfel auch einfach nur wahrnehmen, ohne etwas damit zu tun. Das allein ist bereits vollständig.
Zu einem Angebot gehört von Anfang an die Ablehnung dazu. Wegdrehen, Anspannen, gar keine sichtbare Reaktion: All das ist eine genauso gültige Antwort wie Zuwendung. Wer das nicht respektiert, bietet in Wahrheit keine Wahl mehr an, nur noch eine Erwartung.
Häufiger Fehler: Das Angebot wird zur Aufgabe umgedeutet. Man wartet auf eine bestimmte Reaktion und ist enttäuscht, wenn sie ausbleibt. Das ist keine Basale Stimulation mehr. Das ist eine Übung mit Erwartung im Angebots-Gewand.
Mit dieser Haltung im Kopf kann die eigentliche Apfel-Einheit beginnen, Schritt für Schritt, angefangen bei der Vorbereitung.
Von der Haut bis zum Gaumen: der Apfel als komplettes Angebot
Diese Einheit besteht aus vier Phasen mit demselben Apfel: Vorbereitung, somatisch-vestibulär-vibratorische Wahrnehmung, Tasten/Anschauen/Riechen und Kosten. Der Apfel bleibt der gleiche Gegenstand. Jede Phase spricht aber einen anderen Wahrnehmungsbereich an. So entsteht aus einem einzigen, alltäglichen Ding eine vollständige Einheit statt einzelner, unverbundener Reize.
Wach, positioniert, reguliert: der erste Schritt
Bevor der Apfel überhaupt ins Spiel kommt, braucht es eine gute Grundlage. Die Person ist gut positioniert, wach, und ihre Emotionen sind reguliert. Mitten in Aufregung, Anspannung oder Belastung ist kein guter Moment für ein neues Angebot.
Diese Grundlage lässt sich nicht abkürzen. Erst wenn sie stimmt, kann jede folgende Phase überhaupt wirken. Nehmen Sie sich hier die Zeit, die es braucht, auch wenn das bedeutet, dass Sie an diesem Tag nicht weiterkommen.
Der Apfel auf der Haut: Rollen, Klopfen, Drehen
Rollen Sie den Apfel über den Körper. Bieten Sie kurze Vibrationen an, indem Sie den Apfel leicht am Körper anklopfen oder daran reiben. Führen Sie den Apfel in kleinen Mikrobewegungen Körperteil für Körperteil drehend über die Haut.
Diese Phase braucht Geduld, Feingefühl und eine gute Beobachtung. Achten Sie auf die Körpermittellinie und wie Sie diese kreuzen und angepasst logisch vorgehen.
Der Kernstern: der eigentliche Höhepunkt dieser Phase
Lassen Sie den Apfel in den Handflächen drehen. Motivieren Sie dazu, ihn selbst festzuhalten, ohne das einzufordern. Schneiden Sie ihn dann im Blickfeld (vielleicht sogar mit Handführung) quer durch, nicht längs, damit der Kernstern mit den Samen sichtbar wird.
Riechen Sie bewusst am Apfel, vor und nach dem Aufschneiden. Der Duft verändert sich spürbar, sobald der Apfel offen ist. Betrachten Sie den Stern bewusst und locken Sie den Blick des Gegenübers hierhin. Nehmen Sie die Kerne heraus und später damit weiterzumachen.
Vom Mus bis zum Kuchen: wie unterschiedlich Äpfel schmecken
Bieten Sie nun diesen Apfel oral an. Wer das nicht kauen kann, mag vielleicht daran lecken oder ein Stück in einem Kausäckchen probieren.
Doch Äpfel und Apfelsorten schmecken verschieden. Auch hier kann man verschiedenes ausprobieren.
Apfel kann man auch in verschiedenen Formen anbieten: Apfelmus, Apfeleis, geraspelten Apfel, Apfelkuchen, Apfelsaft, Apfeltee/punsch, Bratapfel. Wo es möglich ist, bereiten Sie gemeinsam zu und essen Sie anschließend gemeinsam mit Freude.
Zwischenfazit: Ein Apfel bietet komplett unterschiedliche Wahrnehmungserfahrungen. Genau darin liegt der Wert dieser Einheit.
Checkliste: Die vier Phasen auf einen Blick
1. Vorbereitung: Position, Wachheit, emotionale Ruhe
2. somatisch, vestibulär, vibratorisch: Rollen, Vibration, Mikrobewegungen
3. taktil-haptisch, visuell, olfaktorisch: Drehen, Aufschneiden, daran riechen
4. oral-gustatorisch: Apfelmus, Eis, geraspelter Apfel, Apfelkuchen, Apfelsaft...
Damit ist die Kernsequenz abgeschlossen. Wer möchte, kann von hier aus weitergehen, zu Spielen, Kunst und kleinen Ritualen rund um den Apfel.
Spielen, Malen, Ernten: der Apfel geht weiter
Drei Gruppen von Anschlussangeboten machen den Apfel über die Kernsequenz hinaus zum wiederkehrenden Thema.
Suchen, riechen, wiedererkennen
Lassen Sie den Apfel nach der Tast-Phase unter mehreren anderen Äpfeln wiederfinden. Oder lassen Sie den Apfelduft unter mehreren Gerüchen erriechen.
Malen, singen, stempeln: der Apfel wird kreativ
- lassen Sie einen Apfelbaum (aus)malen
- kleben Sie gemeinsam einen Apfelbaum, zum Beispiel mit Pompons
- Stempeln Sie mit dem Apfel oder machen Sie einen Abdruck
- mit Schaschlikspießen wird der Apfel schnell zum Igel
- singen Sie „in meinem kleinen Apfel“
- es gibt tolle Rätsel über den Apfel
- Kennen Sie auch dieses Apfel-Fingerspiel?
- es gibt auch einen Apfel-Reigen aus der Kita
- dichten Sie gemeinsam ein kleines Gedicht über den Apfel.
- Pflanzen Sie die Apfelkerne an
- pflücken oder ernten Sie selbst Äpfel.
- Spazieren Sie gemeinsam zum Wochenmarkt, zählen Sie dort gemeinsam die Apfelsorten und kaufen Sie welche ein.
- betrachten Sie den Apfel mit einer Lupe
- basteln Sie duftende Deko mit getrockneten Apfelringen und Zimtnudeln
- aus der Kita kenne ich eine Bewegungsgeschichte mit dem kleinen Apfelkern
- aus Knete einen Apfel formen
- aus einem Handabdruck kann man ein Blatt gestalten der über dem Apfelabdruck ist.
- eine Apfelgeschichte vorlesen
All diese Angebote (hier gibt es noch mehr Ideen: Apfel – Bastelideen & Arbeitsblätter für Kita | Kindersuppe) verlängern den Bezug zum Apfel über den einzelnen Moment hinaus. Aus einer einmaligen Wahrnehmungseinheit wird ein wiederkehrendes, im Jahreslauf verankertes Thema: Ernte, Markt, Baum.
Bieten Sie nicht alles auf einmal an. Verstehen Sie diese Liste eher als kleines Repertoire, aus dem Sie je nach Tagesform, Jahreszeit und Interesse auswählen, passend zum zeitlichen Rahmen, den Sie sich vorgenommen haben, ob nur ein paar Minuten oder eine ganze Themenwoche.
Das ist kein grundlegendes Angebot mehr
Auch bei diesen Anschlussideen gilt: Nicht jede Umsetzung bleibt automatisch ein grundlegendes Angebot. Ein paar Beispiele, an denen die Grenze kippt:
Aufforderung mit erwarteter richtiger Antwort: Beim Wiedererkennungsspiel eine bestimmte Reaktion erwarten, „er muss doch merken, welcher Apfel es ist“, statt offenzulassen, ob und wie erkannt wird.
Übung mit festem Lernziel statt offenem Gestalten: Das Kunstangebot wird zur Lernübung, „damit üben wir Farben“ oder „damit üben wir Feinmotorik“, statt Raum für eigenes, zweckfreies Tun zu lassen.
Maßnahme, der man sich nicht entziehen kann: Lied, Reigen oder Ritual werden zur festen Pflicht bei jedem Treffen. Ablehnung ist an diesem Tag keine echte Option mehr.
Reaktion als Erfolg oder Misserfolg bewerten: Das Wiederfinden des Apfels wird als „geschafft“ oder „nicht geschafft“ gewertet, statt als offenes Angebot, bei dem auch Nicht-Finden völlig in Ordnung ist.
Rein sprachbasierte Aufforderung ohne weiteren Zugang: Das gemeinsame Dichten wird nur über Sprache angeboten, ohne körperliche oder averbale Zugangsmöglichkeit für Menschen, die nicht sprachlich kommunizieren.
Zwischenfazit: Vom ersten Rollen über die Haut bis zum Apfelbaum im Garten bleibt im Kern immer dasselbe Prinzip bestehen: ein Angebot, das nichts voraussetzt und jederzeit abgelehnt werden darf.
Ein Apfel als Einladung, nicht als Rezept
Ein Apfel wird nicht dadurch zum Angebot, dass er gesund oder sinnvoll ist. Er wird zum Angebot, weil er nichts voraussetzt und jederzeit abgelehnt werden darf: von der ersten Berührung über die Haut bis zum gemeinsamen Kuchen, vom Wiedererkennungsspiel bis zum eigenen Apfelbaum im Garten.
Was wirklich zählt, ist nicht das Material und nicht die perfekte Ausführung. Es ist die Haltung dahinter: nichts voraussetzen, alles erlauben.
Nicht jede Phase wird bei Ihrem Gegenüber gleich gut ankommen. Das ist normal und kein Zeichen, dass Sie etwas falsch machen. Manche Menschen fehlt ein Sinn und sie können den Apfel etwa nicht anschauen, andere wollen einfach etwas nicht zulassen wie etwa daran zu riechen. All das ist okay. Denn es geht um den Menschen, der im Mittelpunkt steht und nicht um den Apfel, der ist nur hier nur unser Therapie?)Material.
Wer diese Haltung einmal verstanden hat, trägt sie in jeden anderen Alltagsgegenstand weiter, eine Kartoffel, ein Stück Stoff, eine Duschbürste.
Fangen Sie mit nur einer Phase an, zum Beispiel dem Rollen über die Haut, und beobachten Sie in Ruhe, was passiert, bevor die ganze Sequenz oder die Anschlussangebote dazukommen.
Eine allgemeine Anleitung kann nie ersetzen, was Sie über Ihr die Person wissen. Wenn Sie herausfinden möchten, wie ein voraussetzungsloses Angebot genau bei Ihnen zu Hause funktioniert, ist die individuelle digitale Beratung nach §45 SGB XI der richtige nächste Schritt.
Häufige Fragen zu diesem Angebot
Mein Kind kann keinen Apfel essen. Ist die Einheit trotzdem etwas für uns?
Ja, lassen Sie einfach die Kosten-Phase weg oder ersetzen Sie sie durch ein anderes, für Ihr Kind passendes Lebensmittel. Das Prinzip dahinter, nichts voraussetzen und Ablehnung respektieren, bleibt immer gleich.
Das klingt alles sehr einfach. Reicht das wirklich als Förderung?
Ja, gerade weil es einfach ist. Nicht die Komplexität eines Angebots entscheidet über seine Wirkung. Entscheidend ist, wie genau man auf die Person vor Ihnen eingeht, und nicht auf den Apfel.
Woran erkenne ich, dass aus meinem Angebot wieder eine Übung geworden ist?
Meistens daran, dass Sie eine bestimmte Reaktion erwarten oder eine Aktivität zur Pflicht wird, der man sich nicht mehr entziehen kann. Eine ausführliche Liste mit typischen Beispielen finden Sie im Abschnitt „Das ist kein grundlegendes Angebot mehr“ weiter oben in diesem Artikel.
Was mache ich, wenn mein Kind den Apfel komplett ablehnt?
Dann ist genau das die Antwort, die Sie gerade bekommen haben, und die ist genauso richtig wie Zuwendung. Probieren Sie es einfach noch einmal anders: andere Zeit, andere Position, anderen Zugang, anderen Einstieg.
Wie oft sollte ich ein Angebot wiederholen?
So oft, dass sie vertraut wird, aber nicht so oft, dass sie langweilig wird. Beobachten Sie die Reaktion der Person, das ist der verlässlichere Hinweis als jede feste Zahl.
Wie stark soll ich beim Rollen über den Körper oder Berührungen drücken?
Spürbar, aber angepasst an den Muskeltonus der Person. Je höher die Spannung, desto mehr Druck darf gegeben werden, denn Ziel ist eine echte Tiefenwahrnehmung, kein zartes Streicheln.
Wie schnell oder langsam soll ich beim Rollen über den Körper vorgehen?
Es gibt kein festes Tempo, das für alle passt. Nehmen Sie das individuelle Tempo der Person auf, statt ein Tempo durchzuziehen, das Sie sich vorher überlegt haben.
Ich kenne mich mit Basaler Stimulation gar nicht aus. Kann ich das trotzdem anbieten?
Ja, probieren Sie das einfach aus. Verzichten Sie auf Urteile und Bewertungen. Beobachten Sie stattdessen genau Ihr Gegenüber und lassen sich voll auf den Kontakt ein mit einer kindlichen Neugier 🙂

